Waltz for One

Was Jean Améry die »condition suicidaire« nannte, will ich Walzer für einen nennen: die Drehung bemessenen Schrittes um die eigene Mitte; eine Bewegung, wie sie einer zwangsläufig macht, der die Option des Sterbens zu den selbst gewählten Bedingungen ins Auge fasst. Denn der Tänzer, der ja im Leben stehen muss, um über den Tod nachdenken zu können, tut einen beherzten Schritt ins Nichts, indem er so denkt, und einen Schritt zurück, indem er noch denkt. Sein Wollen, auch wo es ein Wille zum Nichtsein ist, bekräftigt seine Vitalität. Zum Paradox des Lebenmüssens gesellt sich ihm das Paradox des Sterbenkönnens; von beiden wechselweise angezogen und abgestoßen, erkennt er die Möglichkeit zu schweben – zu tanzen. Der Walzer für einen beschreibt die sozusagen agnostische Haltung zum Suizid, den der Gläubige als Freitod preist und der Ungläubige als Selbstmord verurteilt. Beiden fehlt die Balance und Disziplin, die der Tanz dem Tänzer abverlangt. Als musikalische Begleitung aber dient Heideggers Satz von der Existenz als ein »Hineingehaltensein in das Nichts«; Hineingehaltensein heißt eben noch nicht Stillhalten. Also tanzen.

Wie Améry kann es auch mir nicht um eine Apologie des Suizids gehen; zu leicht würde man sich zum Anwalt einer Verzweiflungstat machen, die oft doch nicht mehr ist, als die endgültige Lösung für ein vorübergehendes Problem. Tatsächlich würde ich, einmal nicht zu mir selber sprechend, noch jedem vom Suizid gänzlich abraten – ohne Begründung. Denn der Grund könnte nur eine Apologie des Lebens sein und individuell, also dem anderen nicht durch allgemeine Worte vermittelbar. Vielmehr würde der Suizident von jeder Möglichkeit einer Apologie seines Lebens selbst sich abschneiden, indem er sich umbringt. Er nähme sich nicht allein das Leben, sondern auch dessen Antworten auf seine lebensentscheidende Frage. Um herauszufinden, ob das Leben lebenswert sei, muss also wohl oder übel immer mit Ja geantwortet werden, um irgendwann einmal ein Weil zu finden. Ich wünsche dem Leser viel Glück mit seinem Weil! Hier nun aber geht es um das ewige Vielleicht. Dies sind meine todestrunken hingestolperten Pirouetten:

Wahn, Verzweiflung, Not, Rausch, Irrtum: der Gründe sind viele, das eigene Leben zu beenden. Seit jeher übergangen wird ein Grund, der zwischen den genannten furchtbaren Unwettern des menschlichen Schicksals sich verbirgt und ab und zu irrlichternd hindurchschimmert. Don Nicolás bringt diesen heimlichen Grund für den Sprung ins Nichts auf folgende Formel: »Der einfache Akt ist gewöhnlich der resignierte Ausdruck einer Vielheit von komplexen Motiven.«


Oft genug wurde bemerkt, wie falsch das Wort ›Selbstmord‹ ist – juristisch und überhaupt. Wenn man die Sache schon zum Anliegen der Gerichte macht, bieten sich drei Anklagepunkte an, die viel näher an der Tat sind, aber verschiedenen vom jeweils anderen, absteigend in ihrer Schwere:

– Fahrerflucht
– Unterlassene Hilfeleistung
– Notwehr


Wenig ist so ironisch wie das Verhältnis des Suizidenten zum Wort Lebenserwartung: Das Homonym – 1. die durchschnittlich zu erwartende Lebenszeit; 2. dasjenige, was vom eigenen Leben erwartet wird – zieht gleich zwei rekursive Schleifen zu einer Lemniskate (∞), die wie ein geheimes Sternbild über dem Aussteiger blinkt und seine planmäßige Vorzeitigkeit spöttisch kommentiert.


Die inneren Verhandlungen zur Suizidfrage nehmen eine entscheidende Wendung, wenn nicht mehr contra Leben, sondern pro Tod argumentiert wird. Das Geheimnis der Bedeutung dieses scheinbar zu vernachlässigenden Unterschieds trägt der Wissende mit sich fort; niemand wäre nachher noch imstande, aus den letzten Spuren des Besiegten jenes ungewisse Fernweh zu lesen, das sich keiner Niederlage bewusst war.


Ästhetisch attraktiv ist der Tod, weil er niemals unter sein eigenes Niveau fällt. Er erlöst uns von den Geschmacklosigkeiten des Lebens augenblicklich und ein für alle Mal. Das und nichts anderes ist es, was die monotheistischen Religionen Gnade nennen.