Infinitesimalrezensionen

C. G. Jung – Erinnerungen, Träume, Gedanken Im Frühjahr 1957 setzt sich Aniela Jaffé mit dem 81-jährigen Jung zusammen, um dessen Autobiographie gemeinsam ins Werk zu setzen. Vielleicht weil es durch Gespräche entstanden ist, vielleicht weil Jung es so wollte oder nicht anders konnte, charakterisiert die Lektüre, dass wir niemals dem letzten Urteil des Analytikers entkommen: Jedes Ereignis, jeder Traum, jede Begegnung wird gedeutet, gewogen und bewertet. Was noch nicht Symbol ist und Bedeutung hat, das wird mit Bedeutung aufgeladen. Er ist kreativ, aber er ist kein Künstler und macht keine Kunst. Jung ist Arzt und macht Inventur. Als Anthropologe, Ethnologe, Theologe, Historiker und Philosoph ist er dabei jeweils gescheitert und hat doch, scheint mir, eine Lücke in der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts geschlossen. ★★★★☆

Philip K. Dick – Variante zwei Band 2 der fünfbändigen Sammlung sämtlicher 118 SF-Geschichten PKDs. Vollständigkeit besticht naturgemäß durch breite Mittelmäßigkeit einschließlich der schöpferischen vertikalen Ausreißer. Ärgerlich ist, dass selbst den schlechten Stories oft ganz wunderbare Einfälle zugrunde liegen, aber als lieblose und hastig hingeworfene Skizzen enden mussten. Ein Beispiel: In James P. Crow beschreibt D. eine Zweiklassengesellschaft aus Robotern (Elite) und Menschen (Plebs) und stattet, zum Zweck sozialer Spannungen, die Maschinen mit Snobismus und Verachtung für alles Organische aus. Gleichzeitig heißt es jedoch, dass sie ohne emotionale Beeinträchtigung denken könnten. Einerseits streng logische Computer, andererseits allzumenschliche Herren-Maschinen – psychologisch macht das Ganze keinen Sinn und der aufmerksame Leser fühlt sich schlimm betrogen. SciFi nimmt sich genremäßige Freiheiten heraus, die sie anderswo einsparen sollte, kurz: Wer Aliens serviert, kann nicht auch noch Kobolde auftischen. ★★★☆☆

Daniel Keyes – Blumen für Algernon Show, don’t tell. Eine der drei essentiellen Maximen für das Schreiben guter Romane. Wer überall erzählt, statt die Figuren regelmäßig lebendig werden und für sich sprechen zu lassen, der schreibt fast notwendig einen blutarmen und über weite Teile redundanten Roman. Keyes‘ Flowers for Algernon – ursprünglich eine Erzählung – ist ein solcher Roman geworden. Die Geschichte um den schwachsinnigen Charles Gordon, der durch eine Operation zum Genie wird und letztlich zurückretardiert, lebt (einzig) von einem guten Plot und krankt am mangelnden Können des Autors. Hinzu kommen allerlei falsche, dem Forschungsstand der 60er geschuldeten Annahmen zur Rolle von Intelligenz; laienpsychologische Passagen, die dem Bildungsstand des Autors zuzuschreiben sind; und, schlimmer als alles andere, ein gänzlich unausstehlicher Protagonist, dessen Schicksal den Leser kalt lässt. ★★☆☆☆

Michael Herr – Dispatches Von der Kritik als bestes Buch bezeichnet, das je über den Vietnamkrieg geschrieben worden ist, und von zahlreichen Schriftstellerkollegen hochgeschätzt, berichtet Dispatches, was Herr als Kriegsberichterstatter zwischen ’67 und ’69 in Vietnam erlebte – und auch was er nicht erlebte. Nämlich ist sein Journal mehr als nur stellenweise fiktiv; der Autor schreibt in situ, obwohl er nur Gehörtes wiedergibt; manche Charaktere und ganze Dialoge sind frei erfunden; Geschehnisse gerahmt, stilisiert, dramatisiert. Mindert dies den Wert des Buches? Keinesfalls. Die Essenz Vietnam ist wie auf einem Negativfilm festgehalten und die Absurdität dieses Krieges – vielleicht die aller Kriege, doch ganz besonders dieses Krieges – tritt dem Leser sukzessive grell vor Augen. ★★★★★

Jack Ketchum – Stranglehold Auch nach dem vierten Roman JKs könnte ich nicht mit Gewissheit sagen, ob wir es bei ihm mit einem außergewöhnlichen oder im Grunde durchschnittlichen Schriftsteller zu tun haben. Anders als in den Romanen Kings ist die Wirklichkeit nicht schwarz und weiß: für JK ist sie nur schwarz. Seine Grausamkeit fasziniert, weil sie sich nie ganz des so naheliegenden Sadismus überführen lassen will; Ketchum geht es offenbar um mehr, aber diesem Mehr bleiben seine Geschichten stets das Wesentliche schuldig. So fragt sich während der Lektüre und auch hinterher der noch nicht völlig abgestumpfte Leser, wie viel Voyeurismus er mitgebracht hatte, um diese neuere Enttäuschung seiner vornehmeren Lektüre-Erwartungen erst möglich gemacht zu haben. ★★★☆☆

Natsume Sōseki – Botchan Don’t judge a book by its content: Anfang des 20. Jahrhunderts, gegen Ende der Meiji-Periode, studiert ein junger Mann in Tokio Mathematik und Physik, um anschließend in einem verschlafenen Provinznest ebendiese Fächer an einer Mittelschule zu unterrichten. Weder ist der Protagonist außergewöhnlich, noch ist es die Schule, noch etwas, das ihm dort widerfährt. Klingt langweilig? Find ich auch. Und doch ist dieses Buch derart amüsant, charmant und eingängig, dass der Leser es unversehens ausgelesen hat und in seiner schönen Einfachheit ihm noch lange in Erinnerung bleiben wird. Herr Natsume war ein großartiger Erzähler und ein Stilist ersten Ranges. (Ohne einen Vergleich zu haben, schien mir die alte englische Übertragung von Yasotaro Morri ganz ordentlich zu sein. Diese gibt’s hier kostenlos für den Kindle). ★★★★☆