Infinitesimalrezensionen

  • Jack Ketchum – Stranglehold Auch nach dem vierten Roman JKs könnte ich nicht mit Gewissheit sagen, ob wir es bei ihm mit einem außergewöhnlichen oder im Grunde durchschnittlichen Schriftsteller zu tun haben. Anders als in den Romanen Kings ist die Wirklichkeit nicht schwarz und weiß. Bei JK ist sie nur schwarz. Seine Grausamkeit fasziniert, weil sie sich nie ganz des so naheliegenden Sadismus überführen lassen will; Ketchum geht es offenbar um mehr, aber diesem Mehr bleiben seine Geschichten stets das Wesentliche schuldig. So fragt sich während der Lektüre und auch hinterher der noch nicht völlig abgestumpfte Leser, wie viel Voyeurismus er mitgebracht hatte, um diese neuere Enttäuschung seiner vornehmeren Lektüre-Erwartungen erst möglich gemacht zu haben. ★★★☆☆

 

  • Natsume Sōseki – Botchan Don’t judge a book by its content: Anfang des 20. Jahrhunderts, gegen Ende der Meiji-Periode, studiert ein junger Mann in Tokio Mathematik und Physik, um anschließend in einem verschlafenen Provinznest ebendiese Fächer an einer Mittelschule zu unterrichten. Weder ist der Protagonist außergewöhnlich, noch ist es die Schule, noch etwas, das ihm dort widerfährt. Klingt langweilig? Find ich auch. Und doch ist dieses Buch derart amüsant, charmant und eingängig, dass der Leser es unversehens ausgelesen hat und in seiner schönen Einfachheit ihm noch lange in Erinnerung bleiben wird. Herr Natsume war ein großartiger Erzähler und ein Stilist ersten Ranges. (Ohne einen Vergleich zu haben, schien mir die alte englische Übertragung von Yasotaro Morri ganz ordentlich zu sein; die gibt’s hier kostenlos für den Kindle). ★★★★☆