Infinitesimalrezensionen

  • Sándor Márai – Die Glut Wenige Autoren wagen, was Márai mit der Geschichte vom alten General und dessem späten Gast gelungen ist: Er hat alles Nötige zum Verständnis ihres Gesprächs ab der zweiten Hälfte des Buches in der ersten beschrieben; ruhig, konventionell und manchmal gefährlich am Rande der Langeweile. Hernach bezieht sich also in jener Hälfte alles auf diese – in langen Monologen und bei minimaler Handlung. Wie die längste Präambel eines Witzes, dessen Pointe dann nicht einmal überrascht. Und trotzdem funktioniert er! Weil Márai erzählen kann. ★★★★☆

 

  • Charles-Augustin Sainte-Beuve – Menschen des XVIII. Jahrhunderts Im Widerschein dieser Porträts sieht unser Jahrhundert doppelt alt aus: Feinsinnig, vital und frisch die Feder Sainte-Beuves in der Mitte des 19. Jahrhunderts; ruhmsüchtig, leidenschaftlich und das Leben begierig mit beiden Händen schöpfend die Madames und Monsieurs des 18. Jahrhunderts, die jene Feder porträtiert hat. Nietzsches Kritik an Sainte-Beuve enthält einen wahren Kern, wenn er schreibt: „Schweift umher, fein, neugierig, gelangweilt, aushorcherisch (…)“, doch er schießt weit übers Ziel hinaus, indem er alles dem Charakter des Autors zuschreibt. Menschen des XVIII. Jahrhunderts ist nicht zuletzt eine Auswahl an Feuilletonartikeln, seinerzeit geschrieben für ein breites und nicht ausschließlich literarisch interessiertes Publikum – insofern Vorläufer und Wegbereiter der Boulevardzeitung. Sainte-Beuve kannte seine Leser genau. ★★★★☆

 

  • Christoph Ransmayr – Die letzte Welt „Während des Abstiegs suchte er bei seiner Stimme Zuflucht, stieg, wieder und wieder nach Echo rufend, dem Meer entgegen. Aber so oft er ihren Namen auch rief – von den Abstürzen, den Überhängen und lotrechten Wänden, in deren Kristallen und Schuppen aus Glimmerschiefer sich schon das Mondlicht brach, schlug nur der Widerhall seiner eigenen Stimme zurück.“ Solche Passagen sind es, die auf einen großartigen Schriftsteller hinweisen. Ganze Kapitel, besonders die römischen, stehen Sienkiewicz‘ Begehungen des antiken Roms in Quo Vadis in nichts nach. Und doch kann sich der Leser des Eindrucks nicht erwehren: Ein schönes Buch, das nicht hätte existieren müssen. Wenn einzig dieser Roman Ransmayrs der Nachwelt erinnerlich bleibt, muss man seinem kommerziellen Erfolg zum Trotz von einem tragischen Schriftstellerschicksal sprechen. ★★★☆☆

 

  • Iwan S. Turgenew – Väter und Söhne Ein Klassiker ist ein Klassiker, weil er der natürlichen Gebundenheit durch die Zeitgenossenschaft entkommt. Doch gelingt ihm dies wider Erwarten nicht, indem er sich zu den zeitlos-transzendenten Themen hinüberrettet, sondern indem er das ephemere Zeitgenössische durchschaut als eine Ansammlung allzumenschlicher Regungen und altbekannter Dummheiten in neuem Gewande: Er übersetzt das Konkrete, das scheinbar Spezielle des Gegenwärtigen ins Universelle aller Zeiten. Dafür dient uns Turgenews Väter und Söhne als ein schönes Beispiel. ★★★★☆

 

  • Henryk Sienkiewicz – Quo Vadis? Scheinbar jeder kennt die Verfilmung von 1951 mit Peter Ustinov als Kaiser Nero; dies ist die Romanvorlage von 1896. Am beachtlichsten ist, wie natürlich und greifbar dem Leser das Rom von 60 n. Chr. vor Augen tritt; jenes Rom, in dem Simon Petrus, der erste der zwölf Apostel, selbst noch die Auferstehung Christi bezeugt und so der Welthauptstadt tausende Seelen abgerungen haben soll, wirkt gegenwärtig auf den Leser und beschreibt eindrücklich die Anfänge des Christentums, wiewohl leicht glorifiziert. Spannender als die klassische und in der Ausführung bloß passable Liebesgeschichte ist dann auch die uralte Rivalität von weltlichem Zynismus und religiöser Frömmigkeit, von Opportunismus und Demut, vom Recht des Stärkeren und dem Gebot der Nächstenliebe, mit dem reizvollen Twist, dass die christliche Lehre hier als etwas ganz Neues und Unschuldiges gedacht werden kann. ★★★★☆

 

  • Jack Ketchum – Red Selten liest man ein Buch, das zu lesen man sich hätte sparen können, weil man die Verfilmung kennt. Hier ist das der Fall. Ob das zur Ehre der filmischen Adaption gereicht oder zur Ehre der drehbuchfreundlichen Vorlage spielt keine Rolle. Ein Buch kann nicht mehr als unterhaltsam sein, wenn seine Verfilmung beweist, dass die Leinwand als Medium für den Stoff ebenso viel taugt; dass die Bilder nichts rauben oder verflachen, weil schon die Vorlage nur aus Handlung und Bildern besteht: Ausdruck eines Stils reiner Äußerlichkeit, ohne psychologische Tiefe oder Poesie, aber auch ohne Längen. ★★★☆☆

 

  • Dalton Trumbo – Johnny Got His Gun Ich komme nicht umhin, das vorgedruckte Etikett „Antikriegsbuch“ zu gebrauchen; in meiner Ausgabe sind der Erzählung gleich drei Vorworte vorangestellt: Das einer Mutter, die ihren Sohn in Afghanistan verloren hat; das eines Vietnam-Veteranen, der im Rollstuhl gelandet ist und das des Autors. Wenn’s den Amis hilft, die kriegslüsterne, pseudopatriotische Rhetorik ihrer Regierung bloßzustellen, umso besser. Literarisch genommen ist Johnny Got His Gun aber viel mehr als ein Antikriegsbuch: Der Autor ist in Höchstform und Joe Bonham, der unglückselige Held der Geschichte, steht – liegt – neben Camus‘ Meursault und Sartres Roquentin am anderen Ende der existentialistischen Freiheitsskala. ★★★★★

 

  • Fjodor M. Dostojewski – Der Spieler Ich verehre, nein, liebe Dostojewski. Diese Erklärung will ich vorausschicken, um meine Befangenheit gleich offenzulegen. Der Spieler ist eine Burleske, das heißt komisch, aber D. war kein großer Komiker. Dürrenmatt hätte diese Geschichte witziger erzählt. Aber hätte er auch die Abgründe der Spielsucht so klar erfasst? Ohne schon das ganze Werk des Meisters von Petersburg zu kennen, würde es mich doch nicht wundern, wenn dieser hier sein schwächster Roman ist – und er ist immer noch sehr gut. ★★★★☆

 

  • Jack Ketchum – Joyride Nicht dieser, sondern der erste Roman, Off Season, hat einen Plot wie aus einem schlechten Splatterfilm der 80er-Jahre – und transzendiert auf wunderbare Weise jeden Kitsch. Joyride hingegen könnte ein guter, intelligenter Thriller sein. Allein der Zauber fehlt. ★★★☆☆

 

  • Jack Ketchum – Off Season Die unzensierte Edition von 1999. Dass das Original von ’81 so nicht veröffentlicht werden konnte, versteht der Leser allerspätestens ab 4:25 Uhr in der Kannibalenhöhle. In einer Zeit, als Horror und Dark Fantasy à la Dean Koontz dasselbe waren, Barker noch drei Jahre auf sich warten ließ und King das Monopol auf echten Horror hielt, kam Jack Ketchums Erstling einer Bombe gleich, die man zunächst entschärfen musste. 18 Jahre später, sozusagen volljährig, ohne an Sprengkraft eingebüßt zu haben, detonierte sie schließlich doch noch. ★★★★☆

 

  • Alain-Fournier – Der große Meaulnes Als Alain-Fournier 1914 bei Verdun fiel, war er 27 Jahre alt und hatte einen einzigen Roman fertiggestellt und veröffentlicht: Le grand Meaulnes. Technisch etwas ungelenk, besticht der Roman durch seine intime Nähe zu den Figuren, deren Schicksal ich mit wachsender Anteilnahme und ab der zweiten Hälfte schließlich fieberhaft verfolgte. Die Sprache ist einfach, das Bild märchenhaft; ein Buch über das Erwachsenwerden (oder den Verlust der Kindheit), über Reue, über Freundschaft und Liebe und über das launische Wetter Nordfrankreichs. ★★★★☆

 

  • Philip K. Dick – Und jenseits – das Wobb Wenn der Klappentext recht hat, darf man ihm nachplappern: „Der Metaphysiker unter den SF-Autoren.“ Sämtliche 118 SF-Geschichten in fünf Bänden, und dieser Band der erste mit den (chronologisch) ersten 25 Geschichten Dicks. Einfachste Sprache; Hauptsatz reiht sich an Hauptsatz; es wird nur das Nötigste erzählt; geekige Verspieltheit und technische Phrasen finden keinen Platz. Die Dialoge wirken mitunter etwas hölzern, aber nicht unglaubwürdig. Persönliche Highlights: Und jenseits – das Wobb, Die Verteidiger, Draußen im Garten, Kolonie, Nanny. ★★★★☆

 

  • Mark Z. Danielewski – House of Leaves D.s Erstling. Lassen wir das (durchaus adäquate) reißerische Beiwort postmodern einfach beiseite und machen stattdessen postmoderne Literaturkritik: House of Leaves ist eine gar nicht üble Pizza Quattro Stagioni! Ein Viertel Haunted House Story, ein Viertel Underdog Story, ein Viertel wissenschaftliche Abhandlung (nebst Anmerkungsapparat) und ein Viertel Liebesgeschichte. Schmeckt dem Gourmet de lettres sogar die ganze Pizza, hat er eben vierfach Glück. Das beste Stück aber macht das Liebesviertel, und der Autor wusste es. ★★★★☆

 

  • Jean-Paul Sartre – Geschlossene Gesellschaft L’Enfer c’est les autres: Die Hölle, das sind die anderen. So kurz dieser prominente Satz des Existentialismus ist, so oft wurde er missverstanden. In Geschlossene Gesellschaft beseitigt Sartre jedes Missverständnis, indem er beschreibt, was die Hölle genau ist: Wir selbst – alle –, Wärter und Gefangene zugleich, lebenslang panoptisch erfasst, beurteilt und urteilend in totaler Abhängigkeit bis zum Tode. Ein schöner Essay in Dialogform, inszeniert auf der Bühne im Kopf des Lesers. Fun Fact: Was Sartre 1943 L’Enfer nannte, nennen wir Modernen heute: Facebook. ★★★★☆

 

  • Sándor Márai – Die Eifersüchtigen Was wollte ich den Text rühmen – psychologisch exakt, zärtlich fließend, melancholisch heiter –, doch über das Konzept des Romans gehörig schimpfen; wenigstens drei Kapitel hätte ich streichen lassen und manche Passage merkwürdig geschwätzig gefunden. Tatsächlich aber kann es keinen Vorwurf geben: Ohne es zu wissen, hatte ich in medias res gelesen, denn Die Eifersüchtigen ist das zweite Buch im Romanzyklus um die Familie Garren. So bin ich erleichtert, dass der Roman nicht für sich alleine stehen muss und auch die mitunter nervenraubende Passivität sämtlicher Charaktere ist verziehen: Vater Garren stirbt und in der Familiengeschichte befinden wir uns erst in der Mitte! ★★★★☆

 

  • Siegfried Lenz – Arnes Nachlaß „Wenn ein schulischer Lehrplan einen Autor übernimmt, lebt dessen Name und stirbt dessen Werk“, erkannte richtig Gómez Dávila. Für Lenz, dessen allgegenwärtige Deutschstunde ich nicht habe lesen müssen, gilt das ganz besonders. Dieses Buch, ein spätes, habe ich – Rache eines grausamen Schicksals – nun doch noch lesen müssen: über die ersten 50 Seiten frohen Mutes, im letzten Drittel unter Schmerzen. Was eine hübsche Novelle hätte werden können, ist ein dürftiger Roman geworden. Am schlimmsten jedoch: Lenz schrieb ihn offenbar schon in Gedanken an die kommenden Deutschstunden, denen er dienen sollte. Hat er das kaum verhohlene Gähnen eines aufgeweckten Schülers noch vernommen? Ich kann es hören. ★★★☆☆

 

  • W. G. Sebald – Schwindel. Gefühle. Mehr als zu den meisten anderen Büchern möchte ich zu diesem schweigen, aber selbst Infinitesimalrezensionen fragen nach ein paar Worten zum Gegenstand – nur so viel: nach den vier in diesem Buch versammelten Erzählungen wurde dem Duke of Vertigo sein Titel verliehen. „Vertigo“, der englische Titel des Buchs, ist die nächstliegende und beste Übersetzung, doch nur der deutsche Titel ist in seiner exakten Vieldeutigkeit auf der Höhe der nachfolgenden Erzählungen. Wer gleichrangige deutschsprachige Kurzprosa nach ’89 kennt, der möge mir freundlichst die Richtung weisen. ★★★★★

 

  • Peter Sloterdijk – Scheintod im Denken Sloterdijks Rede gehalten 2009 im Rahmen der Unseld Lecture an der Universität Tübingen. Ihr Inhalt scheint auf den ersten Blick trivial; stark vereinfacht: Früher war das Ideal der denkenden Kaste das Exil der Einsamkeit, heute ist aus im Buch erörterten Gründen das Gegenteil der Fall. Die Metamorphose des kontemplativen Weisen zum engagierten Intellektuellen in zehn Schritten. Und also fragt der mutierte Intellektuelle zu guter Letzt vielleicht: „Na und, Herr Professor? Wie soll uns das jetzt weiterbringen?“, um so das vorläufige Ende dieser abenteuerlichen Reise durch 2500 Jahre abendländischer Geistesgeschichte zu markieren. ★★★★☆

 

  • J. M. Coetzee – Warten auf die Barbaren Bei Coetzee ist immer alles sofort klar: Da schreibt ein überaus fähiger Autor, der Protagonist ist bestimmt kein Held, die Geschichte wird tragisch oder im Ungewissen enden und die großen Themen der Literatur werden mit Leidenschaft und ohne Rücksicht verhandelt werden. Leser, was willst du mehr? ★★★★☆

 

  • Friedrich Dürrenmatt – Das Versprechen Das Requiem auf den Kriminalroman ist Krimi und Tragödie zugleich, erzählt im Dürrenmatt kennzeichnenden Stil der Lässigkeit und Klarheit, zynisch aber moralisch intakt. Der dtv-Klappentext spricht reißerisch und irrtümlich von Sexualverbrechen an Kindern und setzt hinzu: Ein Thema mit trauriger Aktualität. Werbung, die am Beworbenen vorbeischießt (und nicht versehentlich). Das Versprechen, in dieser zweiten Fassung, ist ein gutes Stück Krimi und düstere Persiflage desselben, sonst nichts. ★★★★☆

 

  • Orhan Pamuk – Das schwarze Buch Lange bin ich in der alten Stadt herumgeirrt; wie ein Tourist, der das Verlorensein begrüßt, weil er unverhofft Hotel und Programm entronnen ist. Dutzende Geschichten stecken in diesem Buch, dicht an dicht, für sich, zusammenhängend, unentwirrbar. So viele Farben und Gerüche, so viele geheime Symbole und versteckte Hinweise. In Pamuks Istanbul lebt das Geheimnis fort. ★★★★☆

 

  • E. L. Doctorow – Ragtime Mit leisem Lächeln erzählt Ragtime von der Ära Teddy Roosevelts bis hinein in den Ersten Weltkrieg; Sigmund Freud, J. P. Morgan, Emma Goldman, Harry Houdini tummeln sich auf diesen Seiten, gleichermaßen Protagonisten und Statisten, während der schwarze Ragtime-Pianist und eigentliche Held Coalhouse Walker auf Seite 166 erstmals die Bühne betritt. Wie nachträglich hineingeflochten wirkt diese Figur, kunstfertig, aber zweckmäßig, weil über sie das unverzichtbare Rassenthema abgehandelt wird. Der Historiker Doctorow diktiert dem Romancier Doctorow. Pynchon hat es genau umgekehrt gemacht – und besser. ★★★☆☆

 

  • Algernon Blackwood – Besuch von drüben Ein echter Horror war die Lektüre von Blackwoods Gruselgeschichten, jedoch anders als vom Autor beabsichtigt. Von der viktorianischen Sprachdürre und der diese Sprachdürre als englisches Original verehrenden Pfuscherübersetzung aus den 70ern abgesehen, lässt sich jener Horror auf eine einzige Ursache zurückführen: Geschwätzigkeit. Kurzprosa im Allgemeinen, die Literatur der Angst im Besonderen vertragen alles, alles, nur das überflüssige Wort nicht. ★★☆☆☆

 

  • Ulrich Horstmann – Der lange Schatten der Melancholie H. als Pflichtverteidiger der Melancholie. Schon im selbstehrlichen Vorwort zur Neuauflage mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Erstausgabe erfährt der Leser, wessen Plädoyer er lauscht: dem eines furor melancholicus. Nur Liebende verteidigen so, nur Liebende verzweifeln so! Also des Essays letzter Satz: „Wer nicht an der Melancholie scheitert, der hat nicht über sie nachgedacht.“ Schön gescheitert! ★★★★☆

 

  • João Paulo Cuenca – Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall Cuencas dritter Roman, noch immer der eines Jungautors, ist im Kern die Geschichte einer Liebe, umschalt von einer neongelben Phantasmagorie – Tokio – in kafkaesker Prägung. Einige handwerkliche Mängel sorgen für nachhaltige Ratlosigkeit beim Leser, aber der Autor hat Herz und Vorstellungskraft – und so verzeiht er’s ihm gern. ★★★☆☆

 

  • Robert Walser – Fritz Kochers Aufsätze Walsers Erstling. Die Sprache ist schon da in all ihrer suggestiven Kraft und Ironie, aber die Aufsätze sind wirklich zu artig. Erst die folgenden Texte Der Commis und Ein Maler weisen auf den Autor der herrlichen Romane ca. fünf Jahre später voraus. „Und ein Traumzauber umfing den Leser mit der Ahnung von etwas ganz nahe vorübergeschwebten Schönen.“ (J. V. Widmann im „Bund“, 9. Dez. 1904). ★★★★☆

 

  • Tomas Espedal – Wider die Natur Iris Radisch schreibt in der Zeit: „Ein Buch wie klares Wasser.“ Das stimmt unbedingt. Neige ich auch im Literarischen eher zu Schnaps und Wein, sehe ich doch sein Verdienst: Ein schönes, stilles und untröstliches Buch über die Liebe und den Kummer, den sie uns allen macht. Eine Katharsis für den Autor und – vielleicht – den Leser. ★★★☆☆

 

  • Sándor Márai – Die Gräfin von Parma Sándor Márai, Autor des wunderbaren autobiografischen Bekenntnisse eines Bürgers! Mit der Gräfin liefert er eine hübsche, verzichtbare Fußnote zum Werk Casanovas. Zunächst glaubte ich an ein empathisches Versagen Márais; sein Giacomo wirkt beinahe wie ein mittelmäßiger Schauspieler. Bald wurde mir jedoch klar: Nur Casanova kann Casanova glaubhaft erzählen – singulär, geschlossen, nicht erweiterbar sind die Erinnerungen. ★★★☆☆

 

  • Peter Sloterdijk – Die schrecklichen Kinder der Neuzeit Man könnte, ach! so viele Worte über die Mängel des Sloterdijkschen Werks verlieren; – Pose, Manieriertheit, Eigensinn, Eitelkeit – was immer man in die Waagschale wirft, aufgewogen wird es durch Relevanz (d. h. nicht Aktualität, sondern Priorität), analytische Schärfe und immense Bildung. Dass Sloterdijk genau hinsieht und im nüchternen Urteil sich durch nichts beirren lässt, macht seinen Rang aus: als einen der wichtigsten Denker unserer Tage. ★★★★★

 

  • DBC Pierre – Vernon God Little Und schon bin ich Opfer des eigenen Bewertungssystems geworden: vier Sterne sind zu viel, drei zu wenig – nehmen wir’s nicht so genau! Letztlich hätte ich das Buch wohl zehn Jahre früher lesen sollen. Trotzdem: Spannend, humorig, einfühlsam und schmerzhaft amerikanisch. Geschrieben für die Underdogs. ★★★★☆

 

  • Arthur Schnitzler – Reigen Zehn wunderbare Dialoge zu einem Kranz geflochten; literarische Fallstudien, die den allgültigen Sexus elegant, witzig und treffsicher beschreiben. ★★★★☆

 

  • W. G. Sebald – Die Ausgewanderten Sebald gehört zu den ganz wenigen Germanisten, deren früher Tod auch der Leser bitter fühlt. ★★★★☆

 

  • Roberto Bolaño – Das Dritte Reich Warum ich das Buch gelesen habe, ergibt sich aus dem ersten Irrtum: Aber warum zum Teufel hab‘ ich es überhaupt gekauft?! ★★☆☆☆

 

  • Peter Sloterdijk – Philosophische Temperamente Als Vorworte zu den jeweiligen Primärtexten geplant, liegt der Fokus hier notwendig auf geistesgeschichtlicher Bedeutung und Aktualität. Anderen wohl bereits zu bunt, mangelt es mir an subjektivem Kolorit. Schön und treffend sind sie trotzdem. ★★★★☆

 

  • Jean-Paul Sartre – Die Wörter Eines steht fest: Die schiere Gedankenfülle dieser Autobiografie – Pädografie? – hat nicht wenige ihrer Leser förmlich erschlagen. Der Vorwurf einer unnötigen, ja vielleicht unzweckmäßigen Verquastheit scheint naheliegend. Ich persönlich störe mich jedoch nicht im Geringsten daran, wenn einer Seite um Seite eine fast unheimliche Intelligenz im Erzählen demonstriert; mit feinsinnigem Humor, ohne jede Zimperlichkeit gegen sich selbst. Gewiss eine der literarischsten Autobiografien der Weltliteratur, geschrieben von einem wahren Homme de lettres. ★★★★★

 

  • Thomas Bernhard – Auslöschung Bernhards letzer und längster Roman. Ich hatte ihn aus Zeitmangel auf viele Abende verteilt gelesen, was der bernhardschen Prosa – folglich wechselseitig dem Leser – immer schlecht bekommt. Nicht sein bestes Buch außerdem. ★★★☆☆

 

  • Michail A. Bulgakow – Der Meister und Margarita Mitnichten ein erstklassiger, aber doch ein guter Roman; nicht das Werk eines großen Romanciers, sondern eines überaus sympathischen Feuilletonisten, eines russischen Kurt Tucholskys. Ein Buch, das man gerne liest. Märchenhaft wunderbar. ★★★★☆

 

  • Joseph Conrad – Almayers Luftschloß Der junge Conrad ließ den Roman dort enden, wo der alte ihn hätte beginnen lassen. So aber könnte man dem Buch rechtens vorwerfen, was späteren Werken Conrads zu Unrecht nachgesagt wurde: Dass es Knabenlektüre sei. ★★★☆☆

 

  • Rüdiger Safranski – Schopenhauer Was bleibt, wenn man das Werk vom Leben Schopenhauers abzieht? Herzlich wenig. Safranski verschafft dem Leser einen leichten und verblüffend unterhaltsamen Zugang sowohl zum Willen als auch zur Vorstellung des (unvergleichlich elegant) polternden Philosophen. ★★★★☆

 

  • Javier Marias – Mein Herz so weiß Mein Herz so weiß, dieser geradezu beispielhafte Intellektuellenroman eines der größten derzeit lebenden Schriftsteller (spätestens hier wird es bewiesen), quält und verwöhnt den Leser mittels ein und desselben Instruments: Der Sprache. ★★★★☆

 

  • Robert Walser – Der Gehülfe Ein stilles, bescheidenes und harmloses Buch; augenzwinkerndes Understatement in sich selbst; – ein Meisterwerk. ★★★★★

 

  • Stephen Crane – Das blaue Hotel Cranes Erzählungen wohnt eine düstere Kraft inne, die von der elementaren Botschaft hinter den allzu simplen Geschichten ausgeht; beredsam und vielstimmig lautet der Tenor: Du wirst sterben, wir alle sterben, und die Natur ist schön. ★★★★☆

 

  • Jorge Luis Borges – Das Handwerk des Dichters Borges‘ Harvard-Vorträge vom Winter ’67/’68 in Buchform; Verbalessays aus dem Stegreif, von der Nachwelt als Drucksache verwertet. Unwahrscheinlich dass Borges dem in dieser Form zugestimmt hätte. Charmante Lektüre zwar, jedoch naturgemäß oberflächlich. ★★★☆☆

 

  • Thomas Bernhard – Wittgensteins Neffe Im Sog der bernhardschen Tiraden verzeiht man dem Buch manches, wofür man andere rügt. Warum? Weil hier Bitterkeit und Arroganz, Widerspenstigkeit und Egozentrik keine Rhetorik ist, sondern: Thomas Bernhard. – Oder doch sein Alter Ego? ★★★★☆

 

  • Knut Hamsun – Mysterien Nicht mehr und kaum weniger als eine äußerst gelungene, nordische Variation des Werther-Themas, wunderbar ausgeführt. ★★★★☆

 

  • Jorge Luis Borges – Inquisitionen Borges‘ Essays zeichnen sich vor allem durch zwei für gewöhnlich unvereinbare Dinge aus: Enormer Gedankenreichtum und höchste Achtung vor dem Geheimnis. Der Leser bringt Verstand und Interesse mit, Borges besorgt den Rest. ★★★★☆

 

  • H. P. Lovecraft – Der Fall Charles Dexter Ward Lovecrafts längste, vermutlich darum schlechteste Geschichte. Seine handwerklichen Schwächen – Dialog und Plot – treten hier deutlich hervor. Dennoch lesenswert. ★★★☆☆

 

  • Yukio Mishima – Nach dem Bankett Ungekünstelt, nie belehrend, äußerst feinfühlig, sprachlich ausgezeichnet – allein geringfügig langweilig. Oder anders gesagt: Die Suppe schmeckt nicht schlecht, doch ist sie etwas dünn. ★★★☆☆

 

  • Raymond Chandler – The Big Sleep Chandlers Erstling. Humorig, spannend, psychologisch raffiniert und handwerklich tadellos (von kleinen Zufälligkeiten im Plot abgesehen). Philip Marlowe als Prototyp des misanthropischen Helden. Als Original aller harten Mistkerle. ★★★★☆