Echo from the past: 1962

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Das Bedürfnis nach Geheimtuerei ist auf primitiver Stufe von vitaler Bedeutung, indem das gemeinsame Geheimnis den Zement für das Zusammenhalten hergibt. Das Geheimnis auf der sozialen Stufe bedeutet eine hilfreiche Kompensation für den Mangel an Zusammenhalt der individuellen Persönlichkeit, welche durch beständige Rückfälle in die ursprüngliche, unbewusste Identität mit den anderen immer wieder auseinanderbricht. Die Erreichung des Ziels, nämlich eines seiner Eigenart bewussten Individuums, wird dadurch zu einer langen, fast hoffnungslosen Erziehungsarbeit, weil auch die Gemeinschaft einzelner, durch Initiation bevorzugter Individuen doch nur wieder durch unbewusste Identität bewerkstelligt wird, wenn es sich hier auch um eine sozial differenzierte Identität handelt.

Die Geheimgesellschaft ist eine Zwischenstufe auf dem Weg zur Individuation: Man überlässt es noch einer kollektiven Organisation, sich von ihr differenzieren zu lassen; d. h. man hat noch nicht erkannt, dass es eigentlich die Aufgabe des Einzelnen ist, von allen anderen unterschieden auf eigenen Füßen zu stehen. Der Erfüllung dieser Aufgabe treten alle kollektiven Identitäten, wie Zugehörigkeit zu Organisationen, Bekenntnis von -ismen und dergleichen, hindernd in den Weg. Es sind Krücken für Lahme, Schilde für Ängstliche, Ruhelager für Faule, Kinderstuben für Unverantwortliche, ebenso sehr aber auch Herbergen für Arme und Schwache, schützender Port für Schiffbrüchige, ein Familienschoß für Waisen, ein ersehntes glorreiches Ziel für enttäuschte Irrfahrer und müde Pilger, eine Herde und ein sicheres Gehege für verlaufene Schafe und eine Mutter, die Nahrung und Wachstum bedeutet. Es wäre darum unrichtig, die Zwischenstufe als Hindernis zu betrachten; sie bedeutet im Gegenteil auf längste Zeit hinaus die einzige Existenzmöglichkeit des Individuums, das heutzutage mehr denn je durch Namenlosigkeit bedroht erscheint.

C. G. Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken

Echo from the past: 1944

Trump, 2016 by Gage Skidmore
Donald Trump 2016 (Photo by Gage Skidmore)

Wer lügt, schämt sich, denn an jeder Lüge muß er das Unwürdige der Welteinrichtung erfahren, die ihn zum Lügen zwingt, wenn er leben will, und ihm dabei auch noch »Üb immer Treu‘ und Redlichkeit« vorsingt. Solche Scham entzieht den Lügen der subtiler Organisierten die Kraft. Sie machen es schlecht, und damit wird die Lüge recht eigentlich erst zur Unmoral am anderen. Sie schätzt ihn als dumm ein und dient der Nichtachtung zum Ausdruck. Unter den abgefeimten Praktikern von heute hat die Lüge längst ihre ehrliche Funktion verloren, über Reales zu täuschen. Keiner glaubt keinem, alle wissen Bescheid. Gelogen wird nur, um dem andern zu verstehen zu geben, daß einem nichts an ihm liegt, daß man seiner nicht bedarf, daß einem gleichgültig ist, was er über einen denkt. Die Lüge, einmal ein liberales Mittel der Kommunikation, ist heute zu einer der Techniken der Unverschämtheit geworden, mit deren Hilfe jeder Einzelne die Kälte um sich verbreitet, in deren Schutz er gedeihen kann.

Theodor W. Adorno: Minima Moralia