Das kleinste Teilchen Selbstwert

Davon ausgehend, dass das Leben keine Frage sei, die der Mensch zu beantworten hätte; oder eine weiße Leinwand, geschichtlich gerahmt und bemalt in den individuellen Farben zweier ewig asynchroner Pinsel, den des subjektiven Willens und den des objektiven Zufalls; überhaupt jeden Sinn des Lebens inklusive eines Potentials zur Sinnhaftigkeit als unbegründet zurückweisend, gelangen wir schließlich zur melancholischen Auffassung vom Leben als ein leidlich interaktiver und schlecht erzählter schlechter Witz. Wo alle Welt weint, kann der Schwermütige lachen, aber nicht weil er zynisch wäre: Er sieht all die schönen Pointen. In diesen Pointen liegt die unteilbare Qualität, ja die Würde des Menschen. Es ist die Entdeckung der charmanten Nichtigkeit und amüsanten Ziellosigkeit allen Lebens; der Körper ein Theaterrequisit, das immer schon kaputt ist; die Bühne eine wild zusammengestückelte Landschaft wahllos pittoresker und trister Striche, deren stumpfe Gleichgültigkeit nur denen majestätisch und gewaltig dünkt, die sie stets im Rücken haben. Besitz ist Einbildung, ein feudaler und bürgerlicher Fiebertraum; Ruhm wesentlich Abhängigkeit von der wankelmütigen Gunst Unbekannter; Ehre der Ariadnefaden, der sich wie von selbst abwickelt auf den Irrgängen durchs Leben; Würde: so mühelos aus der Vita eines Menschen gerissen wie die Flügel aus dem Fliegenleib. Gesundheit! Gesundheit ist ja schon der halbe Witz: Ein unerbittliches Mindesthaltbarkeitsdatum, natal eingeschrieben in die warmen Eingeweide des Eisengolems und vor ihm verborgen, während unablässig der Rost an ihm frisst. So ergeht es auch den Freunden, den Liebsten – könntest du in ihren Eingeweiden wühlen, um ihren Tag und ihre Stunde zu erfahren, würdest du es tun? Und wärst du so töricht, hättest du Gewissheit? Trotz alledem, vergiss nicht, fliegt uns doch unbeirrt die Welt um die Ohren; einem Sturm gleich, der abreißt, umstürzt, fortträgt. Alles ist flüchtig.

Oder etwa nicht? Jeder Mensch könnte doch ruhig wissen: Er ist jederzeit und überall konsequent und unverwechselbar das individuelle Moment im universellen Ganzen; eine Art kosmischer Botschafter, der just diese von ihm jeweils beanspruchten Koordinaten in Raum und Zeit in seinem und mit seinem Bewusstsein vertreten hat und vertreten wird. In ihm selbst aber liegt ein Geheimnis; kein Sinn oder Schlüssel, sondern eine mögliche Pointe. Ein organisches Lächeln im anorganischen Dunkel. Was könnten wir dem Leben mehr abringen als dies? Ein gut erzählter schlechter Witz – und die Pointe stellen wir selber.

Vernunftgründe

Der vernünftige Mensch sagt so oft Nein, dass er bald Ja sagt, wo er eben noch verneinte; die Vernunft selbst ist es, die eines Tages dieses Ja gebietet – und jedes vernunftvolle Nein zuvor hätte daran mitgewirkt, ja, darauf hingearbeitet. Bescheidenheit, Genügsamkeit, Entsagung und Demut sind zwar Produkte der Vernunft, aber das Umschlagen in ihre Gegenteile ist nicht weniger vernünftig; es markiert lediglich die Entdeckung der menschlichen Freiheit. Nichts anderes nannte Nietzsche den »Willen zur Macht«.
Analog dazu: »You either die a hero, or you live long enough to see yourself become the villain«1 ist psychisch bedingt und bereits im Heldentum enthalten, denn: »Ein Held ist bloß ein Mensch, der zu einem Exzess fähig ist.«2 Dieselbe innere Spannung schießt beim Helden ins Vertikale der hohen Tat, beim Schurken ins Horizontale einer allzu breiten Freiheit angesichts Myriaden dunkler Möglichkeiten. Die Entwicklung vom Helden zum Schurken bedarf daher keines äußeren Einflusses und ist im Individuum angelegt. Ist aber die Verbindung zwischen Held und Schurke uni- oder bidirektional?


1. The Dark Knight (2008, Regie: Christopher Nolan)
2. Spoorloos (1988, Regie: George Sluizer)

Die Angst

Die Angst ist ein stehendes Gewässer von dunkelgrüner Farbe und unbekannter Tiefe. Ein Teich vielleicht oder ein Weiher. Seine Oberfläche ist undurchsichtig und still. Die spiegelnde Glätte wird von keiner Bewegung gestört; der Betrachter versteht sogleich: Alles ereignet sich unterhalb der Oberfläche, tief unten, womöglich am Grund. Falls es einen Grund gibt, denn bislang hat keiner ihn erreicht. Aber was passiert dort unten? Darüber wissen wir wenig, fast nichts. Nur soviel scheint gewiss: In einigen Hundert Metern Tiefe lebt eine einzige Kreatur und zieht dort seit Menschengedenken ihre Bahnen. Man geht davon aus, dass sie sehr hässlich ist, da sie in ewiger Nacht existiert. Tatsächlich hat niemand jemals den Kopf des Fisches gesehen; nicht nur, weil es bekanntlich stockfinster dort unten ist, sondern weil er stets davonschwimmt, stets weg vom Geängstigten. Die jähen Wellen verursacht von flinken Bewegungen im Dunkeln oder bloß die Ahnung der unheimlichen Präsenz irgendwo in dieser kalten und lichtlosen Weite verursachen blankes Entsetzen, blinde Panik: Auftauchen, nur sofort auftauchen! Die Tapfersten schwimmen ihm eine Weile nach, aus Neugier wohl oder verzweifelter Einsamkeit. Sie berichten von einer knorpeligen Schwanzflosse und einem knöchernen Rumpf, nicht größer als der eines Karpfens. Sein Kopf, wie gesagt, bleibt ein Geheimnis. Von zweien habe ich gehört, dass sie ihn vor einigen Jahren nach tagelanger Verfolgungsjagd und dem Ertrinken nahe gesehen haben wollen. Jedoch zu dem, was genau sie damals sahen, schweigen sie beharrlich.